Bierkrug Obama - Der Dr. Bierkrug Wahltipp
Wer es noch nicht mitgekriegt hat: Morgen wird in den USA gewählt. Echt jetzt. Für alle die sich ärgern, dass es morgen also keine Ypsilanti-Nichtwahl zu sehen gibt, das wäre das Alternativprogramm. Har har.

Aber im Ernste: Natürlich verlangt so ein epochales Ereignis nach einer umfassenden Betippung. Und natürlich verlangt eine umfassende Betippung auch nach einigen Vorüberlegungen. Wer sich für diese nicht interessiert, kann gleich nach unten scrollen, zu den Ergebnissen:


Tipperwägungen: Die folgenden Tipps basieren natürlich zu einem Großteil auf Umfragen der letzten Wochen. Glücklicherweise verbleibt mir noch eine gewisse eigene Rateleistung, zum einen, weil sich die Umfragen gerne gegenseitig widersprechen, zum anderen, weil die Wahl 2008 einige Unsicherheiten bietet, die unabhängig von den Umfragen auf das Tippergebnis durchschlagen. Dies wären:

Der sog. Bradley Effect wird diskutiert als ein möglicher Grund, aus dem Obamas Stimmanteil deutlich hinter den Umfragen zurückbleiben könnte. Dahinter verbirgt sich die zuletzt in den 80er- und frühen 90er-Jahren gemachte Beobachtung, dass die tatsächliche Unterstützung eines schwarzen Kandidaten deutlich hinter den Umfragen zurückbleibt. Hintergrund des ganzen soll verschämter Rassismus sein – will heißen: Weiße Wähler belügen die Umfrageinstitute, weil sie die politisch korrekte Antwort geben wollen.

Ich persönlich glaube daran nicht und habe jede Art von Bradley Effect aus meinen Überlegungen herausgehalten. Die Gründe: Der Bradley Effect wurde nie empirisch nachgewiesen. Außerdem ist mit Lügen nicht zu rechnen, weil die meisten Umfragen heute von Computern durchgeführt werden und es außerdem genug rationale Gründe gibt, für McCain zu sein, ohne dass man gleich als Rassist gelten muss. Einen Bradley Effect werden wir deshalb – wie übrigens schon in den Primaries zwischen Hillary und Obama – nicht beobachten.

Eher für Obama spräche die Existenz eines sog. Cellphone Effects. In den USA gibt es mittlerweile einen beträchtlichen Anteil von Haushalten, die ganz ohne Festnetzanschluss, sondern nur mit Handys ausgestattet sind. Von den meisten Umfrageinstituten werden die cellphone only households nicht angerufen, was zu Verzerrungen führen kann. Da die cellphone only voters meist noch jung sind und die Jüngeren Obama bevorzugen, könnten hier noch ein paar versteckte Prozent für Obama liegen. Die Umfrageinstitute versuchen zwar durch veränderte Berechnungsmethoden diesen Nachteil auszugleichen, aber so ganz scheint es ihnen nicht zu gelingen. Denn die wenigen Institute, die auch cellphone only voters anrufen, zeigen durchgängig ca. drei Prozent mehr an Vorsprung für Obama. Ich glaube zwar nicht, dass der Effekt so groß ist, aber ein, zwei Prozent sollten es sein.

Zuletzt die Wählermobilisierung, im amerikanischen auch Get out the vote efforts (GOTV) genannt. Obama hat hier in den letzten Monaten neue Maßstäbe in Aufwand, Organisation und Kreativität gesetzt. Die Zahl der Freiwilligen, die durch Haustürgespräche und Telefonanrufe Wähler zu überzeugen versuchen, ist schon fast absurd hoch und stellt die Bemühungen McCains locker in den Schatten. Obamas GOTV wird daher extrem erfolgreich sein. Trotzdem wird es nach der Wahl so scheinen, als ob McCains GOTV deutlich mehr gebracht hätte als Obamas, denn McCain wird seine Umfragewerten eher übertreffen als Obama. Das wird jedoch nicht am GOTV selbst liegen, sondern daran, dass McCain deutlich mehr unzufriedene und unmotivierte republikanische Wähler zu überzeugen übrig hat, als Obama noch an Unterstützung von Demokraten gewinnen kann.

Im Grund ist es ein lange bekanntes Spiel. Die Anhänger der Partei, die an der Macht ist, sagen lange, diesmal würden sie nicht wählen gehen. Am Ende gehen sie dann doch. Das wird auch diesmal der Fall sein, und hier sitzen noch zwei bis drei versteckte Prozentpunkte für McCain. Trotz des wahnsinnigen GOTV Obamas.

So, genug geschwafelt, was heißt das nun im Einzelnen:



Macht in der Summe einen 326-zu-212-Sieg für Obama.


Die langweiligen McCain-Staaten: Alabama, Alaska, Arkansas, Idaho, Kansas, Kentucky, Louisiana, Mississippi, Oklahoma, South Carolina, South Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Wyoming.

Die langweiligen Obama-Staaten: California, Connecticut, D.C., Delaware, Hawaii, Illinois, Maine, Maryland, Massachusetts, Michigan, New Jersey, New York, Oregon, Rhode Island, Vermont, Washington, Wisconsin.


Und die spannenderen Staaten:

Arizona: John McCains Heimatstaat hat in den letzten Umfragen einige Verwunderung hervorgerufen. Nur knapp sollte die Führung des Senators sein, der den Staat seit 26 Jahren vertritt. Zuviel sollte man darauf aber wohl nicht geben. McCain gewinnt Arizona.

Colorado ist einer der verlässlich republikanischen Staaten, die Obama früh attackierte. Demographische Verschiebungen, der Parteitag in Denver und exzessives early voting sprechen für den Senator aus Illinois. McCain hat das auch erkannt und Colorado heimlich, still und leise aufgegeben. Sieg für Obama.

Florida: Der Sunshine State ist traditionell knapp, aber entscheidet sich letztlich doch meist für den Republikaner (Ausnahme: Bill Clinton, 1996). Dieses Jahr müsste das eigentlich um so mehr gelten: Florida hat viele ältere Wähler, die eher zu McCain halten und denen wohl auch leichter Angst vor Obama eingeredet werden kann. Trotzdem sieht keine der jüngsten Umfragen McCain vorne, weil Obama hohen Werbe- und GOTV-Aufwand betreibt. Schwere Entscheidung also. Tipp: Sehr knapper Sieg für McCain.

Georgia: Mit Georgia wären wir beim ersten der überraschend knappen Südstaaten, in denen hohe Wahlbeteiligung unter der schwarzen Bevölkerung Obamas Chancen erhöht. Am Samstag soll die Anstehzeit vor einem Early-vote-Wahllokal in den schwarzen Vierteln bis zu zehn Stunden betragen haben. Trotzdem ist Georgia von den drei umkämpften Südstaaten (Virginia und North Carolina sind die anderen beiden) immer noch der konservativste. Daher: Sehr knapper Sieg für McCain.

Indiana: Für sein Engagement in Indiana wurde Obama früh belächelt. McCain hat Obamas Herausforderung im Hoosier State lange Zeit ignoriert und darauf gesetzt, dass Indiana konservativ genug ist, um ohne Wahlkampfengagement den Republikanern treu zu bleiben. Erst in den letzten Tagen hat er Gegenmaßnamen ergriffen. Ganz knapp wird es daher am Ende für McCain reichen.

Iowa: Der Staat, in dem Obamas Aufstieg begann, wird auch am 4. November für ihn stimmen. McCain wollte dies bis zuletzt nicht einsehen und kam immer wieder für Wahlkampfauftritte vorbei. Doch ein Umfragevorsprung von zehn bis 15 Prozent und – viel wichtiger – der Umstand, dass McCain in keiner Umfrage im ganzen Jahr geführt hat, sprechen für sich. Klarer Sieg für Obama.

Minnesota: McCain hat lange um die Gunst Minnesotas gebuhlt. Ein knapper Vorsprung Kerrys im Jahr 2004 und der republikanische Parteitag in St. Paul deuteten auch lange Zeit darauf hin, dass Minnesota eine der seltenen Gelegenheit sein könnte, um von Seiten McCains in die Offensive zu gehen. Seit zwei Monaten war Minnesota aber in keiner Umfrage even remotely close. Obama wird mit mindestens zehn Prozent Vorsprung gewinnen. (Ausnahme, jüngst: Survey USA sagt ein 49 zu 46 voraus. Bleibe trotzdem bei meinem Tipp.)

Missouri: Missouri, der alte bellwether state. Die letzten hundert Jahre nur einmal für den Verlierer gestimmt (Adlai Stevenson, 1956). 2008 wird das zweite Mal. Der Staat ist mittlerweile wesentlich konservativer als der Landesdurchschnitt, weshalb McCain einen knappen Sieg davontragen wird.

Montana: Montana? Obama? Der Staat, den Bush mit ca. 20 % Vorsprung gewann? Klingt unwahrscheinlich. Andererseits: Bill Clinton siegte 1992 in Montana. Der Gouverneur und beide Senatoren sind Demokraten. Jüngste Umfragen zeigen ein knappes Rennen. Und dennoch, diese Überraschung wird Obama nicht gelingen. Anders als in Indiana hatte Obama sich zwischenzeitlich aus Montana zurückgezogen und nie ein großes ground game aufgebaut. Daher: Bierkrug calls Montana for John McCain.

Nebraska ist ein Staat, der in dieser Liste gar nicht stehen sollte. Insgesamt wird McCain hier deutlich gewinnen. Allerdings gibt es eine Besonderheit in der Verteilung der fünf nebraskaischen EVs. Denn drei davon gehen an den jeweiligen Sieger in einem der drei Wahlbezirke für das Repräsentantenhaus. Klingt komisch, aber hier könnte eine einzelne EV für Obama versteckt sein. In Nebraskas 2nd district hat er früh Aufwand betrieben und McCain sah sich sogar genötigt, Sarah Palin zur Unterstützung vorbeizuschicken. Aber trotzdem, ich glaube nicht dran. Volle fünf EVs für McCain.

Nevada: Zweimal knapp für Bush votiert, 2000 sogar wahlentscheidend. 2008 wird es anders: Obama gewinnt, ohne dass es darauf noch ankäme. Interessant an Nevada ist vor allem die Umfrageentwicklung: Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, als andere Staaten schon längst an Obama gefallen waren, hielt Nevada McCain die Treue. Erst in den letzten Wochen fand ein deutlicher Umschwung zu Obama statt. Und dieser wird sich auch im Falle eines späten McCain-Aufbäumens nicht mehr umkehren.

New Hampshire: Der Granite State war lange Zeit als eine der wenigen Möglichkeiten McCains gehandelt worden, einen Kerry-Staat zu gewinnen. Dazu wird es nun nicht kommen, die Umfragelage ist eindeutig. Aber ich würde es entgegen aller Umfragen nicht ausschließen, dass es knapp wird.

New Mexico: Ein Blogger nannte die letzten beiden Wahlen in New Mexico „ridiculously close“. Auch der Primary-Sieg Hillary Clintons stand erst drei Wochen nach super tuesday fest. Kommenden Dienstag wird es deutlicher, vor allem weil Obama schon frühzeitig die Unterstützung der Latinos gewinnen konnte. Fünf EVs für Obama.

North Carolina: Der Tarheel State bereitet mir Kopfschmerzen. Ganz schwere Entscheidung. Die Umfragen zeigen ein pures Unentschieden. Zwei Faktoren sind zu bedenken. Erstens: Im eigentlich verlässlich republikanischen North Carolina (13 Prozent Vorsprung für Bush 2004), das von McCain anders als Indiana auch ganz und gar nicht ignoriert wurde, werden sich in den letzten Tagen unmotivierte republikanische Wähler sicherlich doch noch aufraffen und stärker McCain wählen, als sie es den Umfrageinstituten angekündigt haben. Zweitens: North Carolina war einer der Staaten, in denen Obama die Primary-Umfragen deutlich überbot, weil die Institute die schwarze Wahlbeteiligung deutlich unterschätzten. Das wird in dem Ausmaß zwar nicht nochmals geschehen (zumal viele schon beim early voting waren), aber einen gewissen Einfluss wird es doch haben. Also, wie entscheiden? Keine Ahnung. Obama. Hope is a strategy.

North Dakota: North Dakota ist ein anderer der Staaten, in denen Obama unerwartet Chancen zugeschrieben werden. Knappe, aber wenige Umfragen deuten darauf hin, dass es hier eine Überraschung geben könnten. Aber letztlich hat Obama in North Dakota anders als in Indiana wohl nicht den Aufwand betrieben, der ihm den Staat einbringen könnte. McCain gewinnt.

Ohio: Den Buckeye State ist seit bestehen der Republikanischen Partei ein Muss für jeden ihrer Kandidaten. Dummerweise sind die Rahmenbedingungen dieses Jahr wesentlich besser für die Demokraten: Ohio ist von der Wirtschafts- und Finanzkrise besonders stark betroffen, die Demokraten hatten schon eine mit großem Interesse verfolgte Vorwahl und in entscheidenden Verwaltungspositionen sitzen dieses Jahr Demokraten (2000 hatten die Republikaner diesen Vorteil in Florida – wir wissen was daraus wurde). Die letzte Umfrage, die McCain vorne sah, liegt Ewigkeiten zurück, Obama ist wie meist hervorragend organisiert, kurz: Wenn die Fernsehstationen Obama zum Sieger von Ohio erklären, ist die Sache gelaufen. (Disclaimer: Knapp wird es natürlich trotzdem.)

Pennsylvania: Seit Colorado, New Mexico und Iowa sicher für Obama scheinen, ist Pennsylvania McCain's last best hope. Von allen Staaten bekam Pennsylvania in den letzten Wochen die meiste Aufmerksamkeit von McCains Kampagne. Die Überlegung ist einfach: Obama verlor hier deutlich gegen Hillary, zwischen den großstädtischen Zentren gibt es reichlich republikanisches Wahlvolk und John Kerrys Vorsprung betrug 2004 nur zwei Prozent. Andererseits gilt für Pennsylvania das Gleiche wie für Ohio: Die Finanzkrise hat deutliche Spuren bei den Wahlberechtigten hinterlassen und dürfte den Demokraten in die Hände spielen. Zudem ist Pennsylvania traditionell den Demokraten stärker zugeneigt als Ohio. Und wenn ich tippe, dass Obama in Ohio gewinnt, muss er auch in Pennsylvania gewinnen. Sollte die ganze Wahl aber wieder erwarten knapp werden und McCain doch in Ohio gewinnen, wird sehr viel von Pennsylvania abhängen.

Virginia: Einer der ersten Staaten, aus dem Ergebnisse zu erwarten sind, ist Virginia. Sollte der Staat frühzeitig an Obama gehen, wäre schon einiges an Spannung aus dem Wahlabend raus, denn ohne Virginia ist kaum ein Szenario denkbar, unter dem McCain gewinnt. Letztlich wird es auch hier sein, wo Obama den entscheidenden Sieg erringt. Alle Umfragen sehen ihn knapp vorne und ich wage die Prognose, dass die Unterstützung für Obama wie in den Umfragen kurz vor den Vorwahlen, bisher noch unterschätzt wird. Also: 13 ganz wichtige EVs für Obama. Und Virginia zum ersten Mal seit 44 Jahren für Demokraten.

West Virginia: Joe Biden hat angekündigt, man würde „West 'by god' Virginia“ gewinnen. Da hat der gute Joe einmal mehr ein wenig übertrieben. In einem der gesellschaftlich rückständigsten Staaten der USA ist ein Obama-Sieg kaum vorstellbar und sollte wegen einiger halbknapper Umfragen nicht herbeigeredet werden. Fünf EVs für McCain.


Viel Spaß morgen Nacht.
Montag, 3. November 2008, 22:39, von drbierkrug | |comment | Siehe auch: Aus der Welt

 
Wir sind nicht so weit auseinander. Aber weit genug, damit's spannend bleibt...

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