US-Wahlkampf, die Zweite
Über den US-Wahlkampf wird in Deutschland einfach zu wenig berichtet. Richtig berichtet, meine ich, also nicht nur über den oberflächlichen Quatsch, den Claus Kleber kennt, sondern auch über all den anderen oberflächlichen Quatsch, der den US-Wahlkampf so spannend macht, dass man darob Stunden im Internet prokrastinieren kann. Daher veröffentliche ich seit gestern an dieser Stelle eigene Berichte zum Wahlkampf. Heute: Die Vizepräsidentschaftskandidaten.

Die VPs

Auch von der deutschen Öffentlichkeit mit großer Aufmerksamkeit verfolgt haben die Kandidaten mittlerweile ihre Stellvertreter auf Erden Vizepräsidentschaftskandidaten ins Rennen geschickt. Für Obama ist es Joe Biden, ein 65jähriger Senator aus Delaware, der ein law degree von der Syracuse University hält (Eingeweihte wissen, warum ich das erwähne). John McCain setzt auf Sarah Palin, die 44jährige Gouverneurin von Alaska. Bevor ich einige Worte zu den beiden verliere, stellt sich natürlich eine andere Frage, die sich übrigens auch schon Sarah Palin selbst gestellt hat: Was macht so ein VP überhaupt?

Nun, von Verfassungs wegen hat der VP eigentlich nur zwei Funktion: Bei einem Patt im Senat gibt er die entscheidende Stimme ab (da die Demokraten im neuen Senat wohl eine bequeme Mehrheit haben werden, wird diese Aufgabe wahrscheinlich gar nicht anfallen). Und bei Tod oder Rücktritt des Präsidenten wird er der neue Oberbefehlshaber. Doch wenn alles seinen gewohnten Gang nimmt, kann der VP die Füße auf den Bürotisch legen und auf die Meldung warten, dass tatsächlich jemand sein neuestes Buch gekauft hat (wie Al Gore in einer alten Simpsons-Folge).

Im Wahlkampf kommt dem VP eine ungleich wichtigere Rolle zu: Er darf den Kampfhund spielen, der den politischen Gegner bei jeder sich bietenden Gelegenheit angreift. Damit sorgt er einmal dafür, dass die Basis gut unterhalten wird, und entlastet zum anderen seinen Chef, der sich durch allzu viel Boshaftigkeiten wichtige Wählersympathien verscherzen könnte.

Zugleich soll ein VP auch die Schwächen des Präsidentschaftskandidaten ausbalancieren, was sich dieses Jahr besonders gut beobachten ließ: Biden wurde VP, weil seine Erfahrung und gute Kontakte zur Arbeiterschaft genau das sind, was Obama in Abrede gestellt wird. Palin wurde VP, weil sie eine Vagina hat weil sie wesentlich jünger und wesentlich konservativer ist als McCain.

Joe Biden

Mit Joe Biden hat Obama eine solide Wahl getroffen, mit der er vor allem dem Vorwurf begegnen wollte, keine Erfahrung, besonders in der Außenpolitik zu haben. Biden ist seit 36 Jahren Mitglied des Senats, Vorsitzender des außenpolitischen Ausschusses und damit wahrscheinlich der erfahrenste Demokrat, den er für den Job finden konnte. Gleichwertige Erfahrung hätte allenfalls Hillary Clinton für sich in Anspruch nehmen können: Immerhin war sie ja schon ein paar Jahre First Lady, was nach der Logik der Fernsehkommentatoren sehr viel über ihre Qualifikation aussagt. Auf Hillary hatte Obama jedoch keine Lust, wohl aus Angst, dass sie und Bill sich im Weißen Haus wie die Hausherren aufführen würden, die sie einmal waren.

Biden bringt auch einige Nachteile mit sich: Er ist ziemlich geschwätzig und sagt manchmal Dinge, die er besser für sich behalten hätte. Außerdem ist er schon seit Jahrzehnten in Washington und zählt damit zu den Establishement-Politikern, gegen die Obama mit seinem Slogan vom Wandel ursprünglich in den Wahlkampf gezogen ist. Kommentatoren haben daher eilig darauf hingewiesen, dass Biden Obamas Botschaft unterminiere. In Umfragewerten hat sich dies aber bisher noch nicht niedergeschlagen. Ach ja, noch etwas: Joe Bidens Sohn heißt Beau Biden. Wie albern ist das denn bitte?

Sarah Palin

Sarah Palin. Tja, wo anfangen? Es gibt soviel über diese Frau zu erzählen und soviel darüber, was diese Entscheidung über John McCain und seine Kampagne aussagt. Also, der Reihe nach:

Letzten Freitag stellte McCain Sarah Palin als seine VP vor. Mit der Wahl hatte wohl wirklich keiner gerechnet. Palin war in einschlägigen Kreisen zuletzt im Frühsommer gehandelt worden, seinerzeit schon nur als Außenseiterin. Auch kühnste Spekulanten strichen sie aus dem Kandidatenkreis, als in ihrer Heimat in Alaska Vorwürfe des Machtmissbrauchs gegen sie erhoben wurden.

Der Skandal, der heute die ganze Nation unterhält, trägt den einfallsreichen Namen „Troopergate“. Es geht um Folgendes: Palin soll in ihrer Funktion als Gouverneurin einen Beamten entlassen haben, als dieser sich weigerte, einen ihm untergebenen Angestellten zu entlassen. Das Problem: Besagter Angestellter befand sich zu dieser Zeit in einem unfreundlichen Scheidungsstreit mit Palins Schwester. Die Angelegenheit wird zur Zeit von einem parlamentarischen Untersuchungsausschuss in Alaska untersucht. Letzte Nachrichten deuten daraufhin, dass Palin ein schnelles Untersuchungsergebnis verhindern und die Sache über den Wahltag am 4. November hinwegschleppen will.

Normalerweise wäre eine Geschichte wie „Troopergate“ genug, um die Medien mehrere Wochen zu beschäftigen. Letzten Montag trat jedoch etwas anderes in den Mittelpunkt der Berichterstattung, nämlich der Umstand, dass Palins 17jährige Tochter Bristol im fünften Monat unverheiratet schwanger ist. Damit hatte der Wahlkampf eine wundervolle große Nichtnachricht, ein Thema, das privat ist, über das keiner reden darf, weswegen sich alle sogleich darin überboten, nicht darüber zu reden und so laut nicht darüber redeten, dass es auch wirklich jeder mitbekam. Besonders pikant übrigens: Palin hat sich dafür ausgesprochen, Aufklärungsunterricht in den Schulden abzuschaffen und vertritt Abstinenz als beste Verhütungsmethode für Jugendliche.

Womit wir nach zwei Absätzen auch schon dazu kommen können, wofür Palin politisch steht: Strengen Konservativismus, wohl schon abseits des im politischen Mainstream Akzeptablen. Damit spricht sie die republikanische Basis an. Kaum hatte McCain sie vorgestellt, gingen an zwei Tagen 10 Millionen Dollar an Spenden ein. Zugleich soll Palin aber auch, dazu bedarf er keiner großen Kreativität, weibliche Wählerstimmen gewinnen, auch und gerade von enttäuschten Hillary-Wählerinnen. Ob das gelingen kann, erscheint ob ihrer Positionen zwar eher fraglich. Ausgeschlossen ist es allerdings keineswegs, denn Palin spricht unabhängig von ihren Positionen arbeitende Frauen aus den Vorstädten an, eine Wählerschicht, die mittlerweile als eine der wahlentscheidenden gehandelt wird.

Was sagt uns nun die Entscheidung für Palin über die McCain-Kampagne? In den letzten Tagen wurde darüber eifrig spekuliert. Einigkeit besteht dahingehend, dass es sich um eine Entscheidung in letzter Minute handelte. Dafür spricht sicherlich, dass die vielen Geschichten, die jetzt langsam an die Oberfläche kommen, nicht schon vor der Bekanntgabe der Nominierung verbreitet wurden. Zwar hätte sich die Öffentlichkeit zu dieser Zeit noch überhaupt nicht dafür interessiert, aber zumindest wäre so nicht der Eindruck entstanden, man habe etwas unter der Decke halten wollen.

Und die Entscheidung selbst? Nach einer Theorie wollte McCain eigentlich seinen Kumpel Joe Lieberman, einen ehemaligen Demokraten, oder Tom Ridge, einen Nichtabtreibungsgegner, als VP nominieren, doch die Basis wäre ihm davongerannt. Um dies zu vermeiden und trotzdem noch andere als die Stammwähler zu erreichen (nämlich enttäuschte Hillary-Wählerinnen), entschied er sich für Palin. Was gegen diese Theorie spricht: Es hätte auch noch andere Frauen gegeben, die anders als Palin keine (zumindest bekanntermaßen) schwangere Tochter und keinen Skandal auszubaden haben, etwa die Senatorin Kay Bailey Hutchison aus Texas.

Wesentlich sympathischer ist mir daher eine andere Theorie: Im McCain-Lager muss vor der Entscheidung Panik umgegangen sein. Daher entschied man sich für eine Kandidatin, die so kontrovers ist, dass sie den kompletten Wahlkampf umkrempelt, und die mediale Aufmerksamkeit von Obama abziehen kann. McCain muss sich so sehr unter Druck gefühlt haben, dass er bewusst sein Glück auf die Probe stellte und mit Palin eine Kandidatin aus dem Hut zauberte, die, wenn sich die Skandale in den Nachrichten halten, ihm die Wahl verderben kann, die ihn aber auch zum Präsidenten machen kann, wenn alles gut läuft.

Dagegen spricht, dass McCain eigentlich keine Panik haben musste. Die landesweiten Umfragen vor der Entscheidung für Palin waren nicht schlecht. McCain lag gleichauf oder fast gleichauf. Aber wie oben erwähnt hat McCain Staat für Staat betrachtet trotzdem deutlich weniger „sichere“ Wahlmännerstimmen als Obama. Ob ihn dies allein zu einem derartig hasardeurhaften Zug verleiten konnte, wird wohl noch eine Weile sein Geheimnis bleiben.

So, damit genug zu Sarah Palin. Es gäbe sicher noch mehr zu sagen, aber ich beschränke mich darauf, dass sie im Internet mittlerweile zur legitimen Nachfolgerin von Chuck Norris avanciert ist.

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(Morgen: Die Parteitage und die absurde Verkehrung des Wahlkampfes)
Sonntag, 7. September 2008, 12:39, von drbierkrug | |comment | Siehe auch: Aus der Welt